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Anleitung zum Glücklichsein

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Irvin Yalom ist wohl der bekannteste Psychoanalytiker der Welt. In unzähligen Romanen geht er den Abgründen und Irrwegen der menschlichen Seele auf den Grund. Das macht nicht nur irre Spaß zu lesen, sondern hilft, sich und seine Ängste besser zu verstehen. Jetzt erschien sein Film auf DVD, Yaloms Anleitung zum Glücklichsein. Aus dem schönen Film lassen sich vier Gedanken ziehen, die glücklicher machen.

Wir sind alle eins

Irvin Yalom ist ein begnadeter Psychoanalytiker und Geschichtenerzähler. Seit mehr als 50 Jahren erforscht der Amerikaner die menschliche Seele, ihre Abgründe, Ängste, Abwehrmechanismen. In seinen Werken veranschaulicht er in fesselnden Geschichten große philosophische Grundsätze gepaart mit psychoanalytischen Erkenntnissen. Ob in seinem Bestseller Und Nietzsche weinte oder Das Spinoza-Problem, stets zeigt der New Yorker auf, dass alle Menschen zu allen Zeiten, ob im Wien des 19. Jahrhunderts, im Amsterdam des 16. oder im Deutschland der Nazi-Jahre, mit denselben Problemen zu kämpfen hatten. Ein Ausdruck dafür, dass wir alle eins sind, alle unfreiwillig aus dem Nichts in die Welt geschossen und hier mit dem Horror des Todes konfrontiert, der uns als einzigem Lebewesen bewusst ist. Das klingt erst einmal düster, doch erwächst aus Yaloms Geschichten eine lebensbejahende Botschaft, die er in dem jetzt auf DVD erschienenen Film Yaloms Anleitung zum Glücklichsein komprimiert zum Ausdruck bringt.

Die bodenlose Todesangst erkennen

“Von allen Wundern der Welt, ist welches das wundervollste?
Dass kein Mensch, obwohl er alle anderen um sich herum sterben sieht,
glaubt, dass auch er sterben wird.”
Die Mahabharata

Zugegeben, dieser Gedanke klingt erstmal alles andere als glücklichmachend. Doch die Angst vor dem Tod ist ebenso wie die Angst vor der Einsamkeit eine riesige Kraft in unserem Leben. Mehr als uns bewusst ist, beeinflusst sie unser Handeln. Je mehr wir sie verdrängen, desto stärker tritt sie anderswo hervor. Alles, was ignoriert wird, versucht, an anderer Stelle auf sich aufmerksam zu machen. In Form von Neurosen, Ticks oder Obsessionen z.B., hinter denen eigentlich nur eins steht – die Angst vor dem Tod. So stürzt sich der eine in Yaloms Werk in eine obsessive Liebe zu einer jüngeren Frau, weil er damit sein eigenes Altwerden verdrängt. Der andere versucht, die Unberechenbarkeit des Lebens über krankhafte Ordnung in Schach zu halten.
Das hilft aber alles nichts, die Angst will verstanden werden. Und es gibt nur einen Weg, das zu tun: Wir müssen uns den schlimmsten Gedanken stellen. Die, wo die Bodenlosigkeit unseres Daseins offenbar wird. Wir müssen in den Abgrund schauen, anstatt ihn mit einem hübschen Gartenzaun und Margeriten zu verdecken und auf dieser Seite zu wandeln, als gäbe es keine andere. Wir sollten uns klar machen: Das Leben ist unsicher und unberechenbar. Irgendwann wird es mit uns vorbei sein, wir beißen ins Gras, betrachten die Erde von unten. Alles wird vergehen, nichts hat eine dauerhafte Bedeutung. Nichts.
Ja, da geht der Hintern erstmal gehörig auf Grundeis. Aber anders als man annehmen könnte, treiben uns diese Erkenntnisse nicht in den Wahnsinn.

Der Prozess lässt sich vergleichen mit einem entzündeten Splitter im Fuß. Die Schmerzen werden durch eine Salbe oder ein Pflaster nur kurz gemildert, dann geht das Pochen wieder los und die Wunde wird sich weitere Kanäle suchen. Es hilft nur, mutig zu sein und den Splitter herauszuziehen. Tut wahnsinnig weh, dann wird es heilen.

Der krassen Angst mutig und allumfassend ins Auge blicken, sie auf sich zukommen lassen. Erst dann verliert sie ihren Schrecken, kann angenommen und integriert werden. Denn die Angst vor dem Tod ist immer noch weniger schlimm als die Angst vor dem Unbekannten. Der Tod ist sicher und definiert.

Wo im Leben stehst Du jetzt?

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Laut Yalom besteht die Herausforderung darin, den Mut zu finden, die Todesangst anzuerkennen und sie zu nutzen, um echter, bedeutender und beabsichtigter zu leben. Viele verstehen erst zu spät, im Angesicht einer Krankheit oder des Todes, was es heißt, zu leben. Erst im Horror des Todes entsteht die Freude, am Leben zu sein. Yalom gibt seinen unzufriedenen Patienten daher oft folgende Aufgabe: Stellt euch euer Leben als eine gerade Linie vor, die von A nach B führt. A ist eure Geburt, B ist euer Tod. Wo auf dieser Linie steht ihr dann wohl heute, jetzt, in diesem Moment? Vielen Patienten wird dann erst bewusst, dass schon einige Zeit von ihrem Leben herum ist, sie vielleicht mit vierzig schon die Mitte ihres Lebens erreicht haben. Ihnen wird die Endlichkeit ihres Lebens voll bewusst – das macht Angst, aber gibt gleichzeitig Energie, endlich das zu tun, was man tun möchte, den Sinn seines Lebens zu finden. Yalom unterstützt diese Erkenntnis noch mit folgender Frage: Wenn Sie in einem Jahr wieder hier säßen, was müssten sie dann heute anfangen zu tun, damit es Ihnen an dem Zeitpunkt besser geht und Sie das Gefühl hätten, Ihre Zeit voll ausgenutzt zu haben?

Das Leben voll leben ist das Rezept gegen die Angst vor dem Tod. Menschen, die ihr Leben gelebt haben wie sie es wollten und getan haben, was sie haben tun wollen, können das nahende Ende eher akzeptieren. Am Sterbebett wünschen sich Menschen laut Yalom häufig, sie hätten mehr Zeit auf Dinge verwendet, die sie tun wollten, mehr lesen, mehr schreiben, reisen, all diese Orte sehen, Menschen näher sein, ihren Kindern näher sein.

Übung von Yalom: Meditiere über Dein Dasein. Mach Handy und Telefon aus, stelle Gedanken über die Tagesplanung auf Pause. Wenn Du dann an Dein tiefstes Innerstes gelangst, worüber beginnst Du dann nachzudenken?

Die eigene Familie und sich selbst verstehen

Menschen, die in Therapie kommen, treibt um, was alle Menschen umtreibt. Eigentlich sind wir laut Yalom alle Patienten, wir leiden unter den Dingen, unter denen alle Menschen leiden. Doch manche können schlechter damit umgehen, wurden durch ihre Eltern vielleicht schlechter für den Umgang mit Frustration und Angst ausgerüstet. Dabei ist es essentiell, uns selbst zu verstehen. Tun wir das nämlich nicht, werden wir von rein animalischen Instinkten gelenkt, wir steuern uns nicht bewusst, sondern sie übernehmen das Steuer und äußern sich in Gewalt oder sexueller Frustration. Wenn wir uns selber besser kennen, verschwinden diese neurotischen Muster. Wenn wir uns selbst nicht verstehen, können wir auch andere nicht verstehen und wertschätzen.
Bestimmte Verhaltensweisen wie Ängste oder Störungen werden in einer Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

Beispiel: Holocaust-Überlebende haben so viel Schlimmes durchgemacht, dass sie vielleicht tiefes Misstrauen gegenüber anderen entwickelt haben. Sie rechnen unbewusst damit, dass jeden Moment das Schlimmste passieren könne. Dieses Gefühl geben sie unbewusst transgenerational an ihre Kinder weiter. Sie werden in diese Atmosphäre hineingeboren und tief von ihr geprägt. So sind die Schrecken der Eltern in den Gefühlen der Kinder eingebettet. Es ist ein langer, mühsamer Prozess, sich diese klar zu machen und lernen, mit ihnen umzugehen.

Ein krasses Beispiel, doch in milder Form trägt jeder die Lasten seiner Familie mit sich herum. Auch wenn man diese nie völlig los wird, hilft allein das ans Licht holen und Betrachten im Rahmen einer Therapie, sich selbst besser zu verstehen und unbewusste Muster zu durchbrechen. Ein Mann, der weiß, dass er einen Nierenschaden hat, lebt damit besser als einer, der ihn hat, aber sich dessen nicht bewusst ist. Der sich wundert über seine Schmerzen, sie aber nicht einordnen kann.

Der Partner als Verbündeter im kosmischen Chaos

Die Liebe kommt zum Schluss des Ganzen. Erst, wenn wir uns und das Leben einigermaßen erkannt haben, uns nicht mehr fühlen wie ein Pingpongball, der im Wirbel des Daseins von unbekannten Kräften hin- und hergestoßen wird, können wir die Wahl treffen, jemanden zu lieben. Bis dahin versuchen wir in der Liebe vielleicht eher, die Angst vor Einsamkeit zu betäuben. Im anderen aufzugehen, Bedeutsamkeit zu erlangen. Wenn wir verliebt sind, müssen wir unsere Ängste nicht mehr spüren und sind fein raus. Das Ich verschmilzt zum Wir und denkt nicht mehr über sich selbst nach.
Doch wenn wir uns unserer Situation auf diesem Planeten voll bewusst sind und erkannt haben, worum es geht, erkennen wir auch, dass der Partner (genau wie alle anderen Menschen), in derselben Situation ist. Auch er wird irgendwann sterben, hat tiefe Angst und Sehnsucht nach Verbundenheit, auch er ist nur ein hilfloser Krümel. Wenn man diese Gedanken anerkennt und nicht durch belangloses Gelaber zu übertünchen versucht, entwickelt man eine tiefe Offenheit für den anderen. Hi Partner, wir sitzen im selben Boot. Wir haben uns gefunden. Also tun wir alles dafür, uns die Zeit hier schön und einander glücklich zu machen. Im Angesicht all dieser Absurdität kann auch eine Shoppingtour bei H&M amüsant sein oder sich betrinken. Wir sind ja nur Menschen. Aber ohne diese Anerkennung funktioniert das leider nicht, dann hinterlassen Shopping und sich Betrinken einen faden Geschmack, weil die Angst nach dem Abklingen des Rausches mit doppelter Kraft wiederkommt. Manche leben aber so weiter, immer sich ablenken, immer in die andere Richtung gucken, wenn sich der Abgrund zeigt. Das Glücksrezept laut Yalom ist, den Partner zum wichtigsten Verbündeten in diesem kosmischen Chaos machen.

Die besten Bücher von Irvin Yalom – lesen und Lebensmut tanken:

  • Yaloms Anleitung zum Glücklichsein (DVD): http://www.amazon.de/gp/product/B00T80RZWO
  • Und Nietzsche weinte: Yaloms bekanntester Roman, der nahelegt, dass vielleicht Nietzsche, nicht Freud, die ersten Gedanken zur Psychoanalyse hatte. http://www.amazon.de/Nietzsche-weinte-Irvin-D-Yalom/dp/3442737281/
  • Das Spinoza-Problem: Zwei Handlungsstränge bestimmen diesen Roman: Der des jüdischen Philosophen Spinoza im Holland des 16. Jahrhunderts, der für seine aufklärerischen Gedanken exkommuniziert wird, sowie der des Nationalsozialisten Alfred Rosenberg, der Hitler zur Macht verhalf: http://www.amazon.de/Das-Spinoza-Problem-Irvin-D-Yalom/dp/3442742080/
  • Die Liebe und ihr Henker: Geschichten und Fallbeispiele aus der Psychotherapie, meisterhaft und fesselnd erzählt. http://www.amazon.de/Liebe-Henker-andere-Geschichten-Psychotherapie/dp/3442727456
  • In die Sonne schauen – wie man die Angst vor dem Tod überwindet: Noch mehr spannende Therapie-Geschichten, die helfen, sich Todesangst und Endlichkeit bewusst zu machen und intensiver zu leben. http://www.amazon.de/In-die-Sonne-schauen-%C3%BCberwindet/dp/3442752019

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